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BOLD THE MAGAZINE 02 2012

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(R)EVOLUTION

20 |

20 | BOLD THE MAGAZINE Schwerpunkt | (R)EVOLUTION | Nachgefragt DISSIDENT DES VATIKANS Prof. Dr. Dr. David Berger studierte Philosophie, Theologie und Germanistik in Würzburg, Köln, Dortmund und Lublin (Polen) und wurde vor seinem Outing vor allem durch seine wissenschaftlichen Arbeiten zu Tomas von Aquin und seine Tätigkeit für den Vatikan sowie konservative Institutionen der katholischen Kirche in Deutschland bekannt. Nach seinem Outing sorgte sein Buch „Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche“ für einiges Aufsehen und kontroverse Diskussionen. Der autobiografische Bestseller wurde von den großen Medien euphorisch gefeiert, wurde aber gleichzeitig Ziel disziplinarischer Maßnahmen der katholischen Kirche. Wie würden Sie die Entwicklung der letzten 100 Jahre in der katholischen Kirche beschreiben? Es ist eine Entwicklung, die ganz von der Defensive bestimmt ist. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schreibt ein Papst Pius X. das Programm des „Anti-Modernismus“ fest, das heißt man grenzt sich mit großer Angst gegen jede Öffnung der Kirche hin zur modernen Welt und aktuellen Wissenschaft ab. Eine verschlossene Ängstlichkeit, die wiederum Aggressivität gegen Abweichler innerhalb der Kirche sowie eine romantische Flucht in längst vergangene Lebensmodelle des Mittelalters provoziert. Kurzzeitig, in den späten 60er- und den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, war innerhalb der katholischen Kirche der Versuch erkennbar, den Teufelskreis des Antimodernismus zu überwinden und die Kirche zur Moderne zu öffnen – das so genannte Aggiornamento. Aber spätestens als Johannes Paul II. den deutschen Kardinal Josef Ratzinger zum Chefideologen der katholischen Kirche macht, wird dieses mutige Experiment nach und nach ins Abseits gedrängt. Mit der Wahl Ratzingers zum Papst bestimmt nicht nur vom päpstlichen „Outfit“ her Retro den Kult, sondern auch der längst überwunden geglaubte Antimodernismus. Das ängstliche, teilweise aggressive Abschotten des kirchlichen Milieus gegenüber der Lebenswirklichkeit der Menschen feiert fröhliche Urständ. Wie hat sich Ihrer Meinung nach die katholische Kirche im Umgang mit Homosexualität entwickelt? Über Jahrhunderte hatte man in der katholischen Kirche einen pragmatischen Zugang zur Homosexualität. Es war die „Sünde ohne Namen“, man sprach einfach nicht darüber. Und schon gar nicht über weibliche Homosexualität. Dennoch bot man – natürlich eher unbewusst – mit dem katholischen Priestertum ein Berufsprofil, das wie geschaffen war für männliche Homosexuelle: Ein offenes Ausleben war unmöglich. In diesem Zusammenhang waren Klöster und Priesterseminare regelrechte Zufluchtsorte für Männer, die gern mit Männern zusammen lebten. Orte, die die unangenehmen Fragen vermeiden halfen, warum man noch immer unverheiratet und kinderlos sei. Orte für Männer, die gerne in Gottesdiensten verkleidet in weiten Gewändern auftraten. Anders gesagt: Die Generation Ratzinger hatte gar keine andere Wahl, als zu katholischen Priestern zu werden, wollte sie nicht ins absolute gesellschaftliche Aus abgeschoben werden. Seit der Entkriminalisierung der Homosexualität im Rahmen der sexuellen Revolution hat sich dies grundlegend geändert. Man muss sich heutzutage eben nicht mehr unbedingt in einer Sakristei verstecken, wenn man bemerkt, dass man anders ist. Ganz konsequent ging genau ab diesem Zeitpunkt die Zahl katholischer Priesteramtskandidaten rapide zurück. Und die Kirchenfürsten hatten den Hauptkonkurrenten ihres Lebensmodells ausgemacht: die moderne Schwulenemanzipation. Der jetzige Papst lässt keine Gelegenheit aus, um vor dem Unheil des offen schwulen Lebens zu warnen. Während man einer Homosexualität, die heimlich bleibt und über eine besondere Frömmigkeit sublimiert wird, „Takt und Respekt“ entgegenbringen soll, wird jede gelebte, besonders die offen, ohne Schuldkomplexe und mit Selbstbewusstsein praktizierte Homosexualität mit Attributen wie „widernatürlich, widergöttlich, teuflisch“ belegt. Der Vatikan forderte bei der UN ausdrücklich das Recht der Staaten ein, praktizierte Homosexualität weiter strafrechtlich zu verfolgen. Honi soit qui mal y pense. Würden Sie sich eine Revolution in der katholischen Kirche wünschen und wenn ja, wie sollte diese aussehen? Natürlich ist eine solche Revolution längst überfällig, falls die katholische Kirche ...

Schwerpunkt | (R)EVOLUTION | Nachgefragt BOLD THE MAGAZINE | 21 Foto: J. Goede

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