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BOLD THE MAGAZINE 02 2012

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(R)EVOLUTION

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22 | BOLD THE MAGAZINE Schwerpunkt | (R)EVOLUTION | Nachgefragt nicht zur fundamentalistischen Großsekte mutieren willl. Revolution würde heißen, dass sie endlich mutig den Weg der Öffnung hin zur modernen Gesellschaft und zur aktuellen Wissenschaft geht. Und zwar auch dann, wenn sie sich um einer echten Aktualität wegen von jener peinlichen Anbiederung an den neokonservativen Zeitgeist verabschieden muss. Konkret würde dies bedeuten, dass man nicht nur ehrlich von den etwa 50 Prozent schwulen Männern spricht, die den katholischen Klerus prägen und gerade deren Homosexualität als große Chance der Seelsorge begreift, sondern dass sich, angelehnt an die modernen Humanwissenschaften, der Zugang zur Sexualität überhaupt grundlegend verändert. Haben Sie selbst in Ihrem Leben eine persönliche (R)evolution erlebt und wenn ja, in welcher Form? Ich muss gestehen, dass ich von meinem ganzen Naturell her ein sehr harmonieliebender Mensch bin. Wahrscheinlich war eine der grundlegenden Veränderungen meines Lebens, die nach außen hin vielen als revolutionäre Wende erschienen ist, deshalb eine sehr lange und langsame Entwicklung, die sich über fünf Jahre im Stillen vorbereitet hat. Während ich viele Jahre Karriere in der katholischen Kirche gemacht habe, die mich bis in den Vatikan führte, habe ich gleichzeitig über all die Zeit mit einem Partner zusammengelebt und ein sehr exzessives schwules Leben geführt. Dies wurde akzeptiert, solange es heimlich war und ich als loyaler, konservativer Philosoph und Theologe auftrat. Als dann aber unter dem gegenwärtigen Papst die homophoben Äußerungen im katholischen Milieu immer heftiger wurden, ja sich bis zum geradezu neurotischem Schwulenhass steigerten, war mir irgendwann klar, dass ich so nicht mehr weiterleben konnte. In welche Richtung sollte sich die Gesellschaft nach Ihrem Wunsch entwickeln? Auch hier würde ich mir wünschen, dass sich gegen alle Versuchungen des Totalitarismus, die es nicht nur im katholischen Bereich gibt, Gesellschaftsmodelle des Liberalismus durchsetzen. Größtmögliche Freiheit für jedes Individuum! So ergänzungsbedürftig das Modell der „offenen Gesellschaft“ (Karl Popper) an manchen Randstellen sein mag, so aktuell ist es nach wie vor. Heute sind es freilich – bei der doch sehr gefestigten Demokratie, in der wir zumindest in Deutschland leben – weniger die Versuchungen totalitaristischer Staatsformen als der Totalitarismus der Uniformierung auf niedrigstem Niveau, der von den modernen Massenmedien auszugehen droht. Der italienische Filmemacher und Publizist Pierre Paolo Pasolini, dessen 90. Geburtstag wir am 5. März dieses Jahres hätten feiern können, hat schon in den 70er-Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass die genannte Entwicklung vermutlich noch gefährlicher ist als die von Popper ins Auge gefasste. Denn sie schränkt die Freiheitsund Entfaltungsräume des Individuums weit mehr ein, als dies totalitäre Staatsformen des vergangenen Jahrhunderts je vermochten. Wie sieht Ihre Prognose für die Zukunft aus? Die eben skizzierte Gefahr halte gleichermaßen für eine große Chance. In meiner Tätigkeit als Lehrer konnte ich über mehrere Generationen beobachten, dass die mediale Sprachfähigkeit bzw. Urteilsund Handlungskompetenz durch das Internet von Generation zu Generation stetig zunimmt. Dadurch ist die Chance gegeben, dass Deutungsmonopole immer seltener werden. Denn – und auch das haben wir von Popper und den Seinen gelernt – herrschaftsfreier Meinungsaustausch ist die Basis kultureller und politischer Veränderungen. Wie man am Beispiel der arabischen Welt gut sehen kann, ist damit auch die Chance gegeben, dass sich Revolutionen an den Mächtigen, besonders denen, die ihre Macht diktatorisch ausüben, vorbei entwickeln. Etwas, was gerade auch im Hinblick auf das religiöse Leben der Menschen und auf die katholische Kirche, in der traditionellerweise diktatorisch Macht ausgeübt wird, zukunftsweisend sein könnte. Links zum Thema: www.gerald-huether.de www.dialog-über-deutschland.de Bücher zum Thema: Im Blog www.boldmag.eu

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