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BOLD THE MAGAZINE 04 2011

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PERSPEKTIVEN

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10 | BOLD THE MAGAZINE Einstieg | PERSPEKTIVE | Die Sicht der Dinge Die Sicht der Dinge Alles Eine Frage der Perspektive Autor: A. Tölke Ein Parforceritt durch die Welt, wie wir sie sehen. Alles eine Frage der Perspektive? Eine der philosophischen Fragen schlechterdings: Ist der Tisch noch da, wenn wir den Raum verlassen haben? Pillepalle? Von wegen – eine Sekunde Zeit nehmen und kurz die Augen geschlossen: Der Stuhl, auf dem man sitzt. Wird gespürt, ist also Wirklichkeit. Doch kaum verlassen wir den Raum, hat der Stuhl ja nichts zu tun und verschwindet. Oder? Beweisen sie mal das Gegenteil! Bitte jetzt nicht die Nummer mit der Überwachungskamera bringen, die ist ja auch nur der verlängerte Arm des eigenen Selbst – quasi der billige Ersatz für das Ich, das auf dem Stuhl sitzt. Nein, wenn keiner und nichts da ist oder kontrolliert: was ist dann? Was wir sehen, fühlen und hören, ist hier und jetzt Wirklichkeit. Aber auch Dinge haben eine eigene Vergangenheit. Vielleicht. Nur eben kein Gedächtnis – der Stuhl, das waren Rohstoffe, Einzelteile, bearbeitet von Menschen, die ihre Sicht auf die Dinge materialisierten. Oder? Das Stück Land, auf dem das Haus steht, in dem die Wohnung ist. Irgendwann mal Urwald, Eisblock, Grundstück vielleicht für ein anderes Domizil, in dem andere Menschen gelebt haben. Ist also nur das, was wir sehen, fühlen, hören, riechen, die Wirklichkeit? Fragen, die uns heute eigentlich komplett wurscht sein können. Ich bin und habe. Ich bin, was und wen ich besitze. Sorry, da muss der olle Fromm (Erich Fromm) her halten. „Haben oder sein?“ fragte der Meister in den 70ern. Endlich mal eine Frage, deren Perspektive 2011 geklärt scheint. Das Haben bestimmt das Sein. Und Fromm betet ‘76 schon vor: „... maximaler Konsum ist durch einen vernünftigen Konsum (Konsum zum Wohle des Menschen) ersetzt.“ Dank Turbotempo und Dauershoppen mit Dispo, iTunes und 24-Stunden- Vernetzung hat sich die Perspektive arg verändert. Das Ohr am Handy und Gespräche, die deutlich flüchtiger sind als die Wahrnehmung eines Schreibtischstuhls. Irgendwas ins Telefon geplappert und Sekunden später nicht den Hauch einer Erinnerung an das, was gesagt wurde. Was also ist unsere Erinnerung? Das, was wir als wichtig empfinden? Auch das: eine Frage der Perspektive. Hurtig eine kurze Rückblende auf die Sicht der Dinge – der Dinge, die sich vermeintlich nicht erinnern. Wenn das Klima sich erwärmt und Fukushima tausend Jahre lang strahlt, dann ist das nichts, was nur Gegenwart ist. Okay! Chemische, physikalische und biologische Prozesse, die, einmal in Gang gesetzt, nicht aufzuhalten sind. Aber woher (in Gottes Namen) wissen die Dinge um die Kettenreaktionen? Uff. Alles wieder eine Frage der Perspektive. Und es ist nicht mal nötig sich jetzt Jacques Derrida unter die Nase zu halten. Obwohl. Der algerische Philosoph, das Mastermind des Dekonstruktivismus hat das Ich auseinander genommen. Ich als (einziger) Maßstab des Angemessenen und Unangemessenen, des Gerechten und Ungerechten. Derrida bewertet das nicht, er meint nur, das ist halt so. Also wenigstens etwas auf das ich mich verlassen kann. Und natürlich auf das, was ich sehe. Mmmm ... Eine Frage der Perspektive. Weiß jeder Fotograf. Nicht nur, weil er als Zeremonienmeister der Inszenierung den Punkt wählt, von dem aus das Objekt

BOLD THE MAGAZINE | 11 der Begierde abgelichtet wird. Sondern auch – weil das, was später als Wirklichkeit gedruckt und ausgestellt wird, als Wirklichkeit wahrgenommen wird. Aber wer glaubt noch dem Bild? Moppelige Popsternchen tauchen erstaunlich erschlankt mit langer Mähne in den Medien auf. Obwohl sie kurz zuvor beim Glatze scheren im Friseursalon zu sehen waren. Aber vielleicht sehen wir ja zwei verschiedene Personen, oder es fällt sofort der Groschen: Photoshop als digitales Wirklicheitszermanschen. Was wir sehen, unsere zweifelhafte Gegenwart aus unserer Perspektive, muss also nicht zwangsläufig auch Wirklichkeit sein. Je mehr wir sehen, desto eher können wir uns ein realistisches Bild machen. Oder eben darauf reinfallen. So hat es – knapp zusammengefasst – Richard David Precht, der populistische Plauderphilosoph, mal beschrieben. Willkommen also im tiefen Tal der Jammerdepressionen, denn das Fazit bis dato: Nichts ist, wie es scheint. Egal, aus welcher Perspektive man es betrachtet. Wie kann man also eine objektive Perspektive bewahren, respektive hat es einen Sinn, eine zu haben? Noch ein Griff in die Klamottenkiste, diesmal nach dem geschätzten Herrn Brecht. In seinen „Geschichten von Herrn Keuner“ gibt es eine zwischenmenschliche Episode, die Derrida zusammenfasst und die für bis dato vermisste herzliche Übersicht sorgt: „Was tun Sie“, wurde Herr Keuner gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, daß er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „Der Mensch.“ Autsch. Doch die Perspektive stimmt. Seit Jahrzehnten fabulieren, in diversen Medien, Experten und Selbsternannte über den Geschlechterk(r)ampf. Und gerade Frauen, die die vermeintlich größere soziale Kompetenz haben, werden in „ihren“ Magazinen immer wieder darauf hingewiesen: Nehmen sie ihren Partner wie er ist, er kann sich nur ändern, wenn er es auch will. Eine Beziehung ist eben keine Hollywood- Schmonzette – keine Fiktion. Das wird in unserer Popkultur nur leider nicht so hingenommen. Wir sind alle ein bisschen Pippi Langstrumpf und summen selbst vor dem Scheidungsrichter noch: „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Und was nicht gefällt, wird gnadenlos entsorgt. Ein Stil, der sich durch alle Bereiche zieht. Unser Klamottenkonsum hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre verdreifacht. Es ist also nicht nur die Perspektive von uns auf andere und anderes, die unser Dasein bestimmt, es ist auch das bestimmte „Image“, das wir anderen liefern. Und unserer Selbstinszenierung scheint das Einzige zu sein, was wir fast völlig unter Kontrolle haben. Es sein denn, man hat einen fiesen Kater und sieht aus wie schon mal gegessen. Aber das haben wir ja auch selbst verschuldet. An dieser Stelle sei eine ganze persönliche, positive Aussicht gestattet: Mit acht Jahren wurde auf dem sommerlichen Schulweg immer ein Stopp an den Erdbeerfeldern des elterlichen Betriebs gemacht. Fünf Uhr morgens. Ich, gerade mal 1,10 Meter, mein chauffierender Vater mit 1,80 Meter Gardemaß. Zwischen den pflückenden Frauen verlor er nie die Übersicht. Meine Wenigkeit erinnert sich an leicht bekleidete Damen, die, wenn sie sich nach den roten Früchten bückten, ihre drallen Schenkel entblößten. Alles eine Frage der Perspektive!

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