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BOLD THE MAGAZINE 04 2011

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PERSPEKTIVEN

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16 | BOLD THE MAGAZINE Schwerpunkt | Perspektiven | Suche nach Gott anti-muslimischen Diskurs verschmolzen. Das macht ein beiderseitiges Entgegenkommen, das für eine erfolgreiche Integration notwendig ist, von Immigrantengruppen und von aufnehmenden Gesellschaften, praktisch unmöglich.“ Nicht die Religionen sind nach Casanova ein Problem für Europa, sondern die Annahme, dass nur säkulare Gesellschaften demokratische Gesellschaften sein können. In jedem Fall gelangt das materialistische Denken in unserer Zeit an seine Grenzen – wenn die Menschheit überleben soll, sind neue Ansätze gefragt. Dazu kann eine Naturwissenschaft gehören, die eine beseelte Form allen Lebens nicht ausschließt – Glaube und Wissen wieder einander annähert. Seit alters her gibt es ein intuitives Wissen über Herkunft und Ziel des Menschseins. Hier liegt auch der gemeinsame Ursprung aller Formen von Religion. Und hier ruhen auch die verborgenen Kräfte, um unseren Planeten als Lebensraum zu erhalten, anstatt ihn auszubeuten und zu vernichten. TOLERANZ UND LIEBE Deutschland steht in der geistigen Tradition der philosophischen und sozialen Errungenschaften der europaweit wirksamen Aufklärung, deren zentraler Bestandteil die religiöse Toleranz ist. Die Ringparabel in Gotthold Ephraim Lessings Bühnendrama „Nathan der Weise“ von 1779 gilt als ein Schlüsseltext der Aufklärung und als besondere Formulierung der Idee der Toleranz. Auf die Frage nach der richtigen und „einzig wahren“ Religion gibt es vor 230 Jahren die eindeutige Antwort, dass die drei Religionen – Judentum, Christentum und Islam, in ihrer Echtheit oder Unechtheit nicht zu unterscheiden seien und nur durch den Glauben an die eine oder andere wahr würden. Verbindend und verbindlich für jede der Religionen ist der humanitäre Ansatz: „Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring‘ an Tag zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmuth, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun, mit innigster Ergebenheit in Gott, zu Hülf‘!“ Die Gültigkeit jeder Religion wäre somit darin zu erkennen, in welchem Maße durch sie tatsächlich Nächstenliebe entwickelt und sozialer Frieden gestiftet werden kann. ALLES IST EINS Die Lehre des historischen Religiongründers Zarathustra, der nur der Namensgeber für die gleichnamige Figur in Friedrich Nietzsches Schriften war, lebte etwa sechshundert bis eintausend Jahre vor Christi Geburt und entwickelte die Grundzüge einer monotheistischen Religion. In den nachfolgenden Religionen, im Judentum, Christentum und im Islam, kann diese gemeinsame Wurzel erkannt werden: In der alt-iranischen Religion des Zoroastrismus erschuf der weise Herr (Gott) die Welt, welche vom Kampf zwischen Gut und Böse geprägt ist. Der Sieg des Guten über das Böse soll am Tag des jüngsten Gerichts kommen. Bis zu diesem Tag haben die Menschen die freie Wahl, sich für den rechten Weg, den Weg der Wahrhaftigkeit, zu entscheiden. Die Lehre Zarathustras hat drei wichtige Ansätze: Gute Gedanken, wahre Worte und gute Taten. Der Mensch wird als vernunftbegabtes Wesen frei geboren und kann allein durch seine persönliche Einsicht zu Gott gelangen. Der Mensch wird zum Menschen, da er sich gegen das Böse und für das Gute entscheiden kann. Sofern das Gute im Menschen überwiegt, gelangt der Mensch nach seinem Tod über eine Brücke ins Paradies. PERSPEKTIVEN DES ZUSAMMENLEBENS Auf dem konfliktträchtigen Pflaster der religiösen Gegensätze der Hauptstadt Berlin wachsen auch die zarten Pflanzen des Miteinander und der Verständigung. In einer Stadt, in der Ideologien durch Betonmauern in ihrer Gegensätzlichkeit zementiert werden sollten, besteht auch die Chance, religiöse Mauern zu durchlöchern. Die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens wurden durch die Jahrhunderte zunehmend verleugnet und es wurde versucht, diese zu vertuschen. Am Beispiel des jüdischen Pessach- und des christlichen Osterfests ist dies noch zu sehen: Jesus starb während des jüdischen Passah-Festes, ursprünglich lagen diese Feste auf dem gleichen Tag, sie wurden erst im Jahr 325 nach Christus von der Kirche auseinander gelegt, nur

Schwerpunkt | Perspektiven | Suche nach Gott BOLD THE MAGAZINE | 17 im Jahr 2000 fielen beide noch einmal auf ein gemeinsames Datum. Ein zukunftweisendes Projekt ist ein Projekt zur tatkräftigen Verständigung zwischen den Religionen: Avitall Gerstetter, Sängerin und Musikerin mit jüdisch-kulturellem Hintergrund, engagiert sich für ein Mehr-Religionen-Haus in Berlin, in dem Jugendliche unterschiedlicher Kulturen und Glaubensrichtungen miteinander wohnen, lernen und beten sollen. „Ich wünsche mir, dass Juden ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sind und wir nicht mehr darüber diskutieren, ob man Christ, Jude oder Muslim ist. Wir sind einfach Menschen“, sagte sie in einem Interview. Zur allgemeinen Verständigung zwischen den religiösen Überzeugungen setzt sie ihre Stimme ein, 2011 sang sie den Song zum Kirchentag: „... hoffst du auf Frieden irgendwann ... das Licht in dir steht uns bereit, dann wird Vertraun und Glaube eins ... der Weg ist steinig, doch bleib nicht stehn, dreh dich nicht um, den Blick nach vorne, da wird auch dein Herz sein.“ Den Text schrieb der Musikkabarettist Bodo Wartke. Diese versöhnliche Allianz von Glaube und Vernunft liefert eine zukunftsfähige Perspektive. Warum liefern wir uns nur jeden Tag auf’s Neue den meist einseitig konfliktverschärfenden Nachrichten unserer Medien aus? THE DAY BEFORE THE LAST DAY Yael Ronens neue Theater-Produktion befasst sich mit Fragen zu Religion, Glauben und Identität vor dem Hintergrund einer sich rasant verändernden Welt. Sie wagt mit Schauspielern aus christlich, jüdisch und muslimisch geprägten Kontexten einen Blick in die Zukunft: Im Jahr 2030 gibt es in Israel eine Mehrheit religiöser Menschen, die den Staat vor neue Herausforderungen stellt. Auch die Palästinenser sind religiöser denn je. In Deutschland nimmt die Frage nach Identität und Zugehörigkeit einen wachsenden Stellenwert in der gesellschaftlichen Debatte ein. Die Demographie Europas verändert sich maßgeblich und Revolutionen haben die Arabische Welt neu definiert. Die Gesellschaft sieht sich an einer Kreuzung. Inmitten dieser konfliktgeladenen Stimmung suchen eine jüdische Frau, ein ehemaliger Christ, ein ungläubiger Moslem, eine radikale Atheistin und ein paar verlorene Agnostiker nach festem Boden unter den Füßen. Das Stück ist eine Koproduktion mit dem Habima National Theatre of Israel in Zusammenarbeit mit der Comédie de Reims. Die Premiere ist am 1. September 2011, die Sprachen sind Deutsch, Englisch, Hebräisch und Arabisch mit deutschen Übertiteln. Spielplan: www.schaubuehne.de Eine Gebetsformel aus dem Buddhismus bringt es auf den Punkt: „Mögen alle Wesen glücklich sein. Möge es eine glückliche Welt geben.“ Foto: H. Schäfer

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