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BOLD THE MAGAZINE 05 2011

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IDENTITÄT

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12 | BOLD THE MAGAZINE Einstieg | Identität Auf der Suche nach der Verlorenen Identität Autor: E. Böhlke | Fotograf: M. Ceron Wer bin ich? Wer sind wir? Identität wird als Einheit von Einstellungen, Gefühlen und des Verhaltens bei sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen und im Fortschreiten der Zeit, beschrieben. Identität entsteht durch Kommunikation. Sie ist daher nichts Starres, sondern verändert sich. Als ein selbstreflexiver Prozess des Individuums. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hat der Schriftsteller Marcel Proust das epochale Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ geschrieben. Längst war der Rhythmus der Industriegesellschaft in die alltägliche Lebenswelt eingedrungen, da machte Proust sich auf, sich selbst zu beobachten und zu erinnern. Die verlorene Zeit des eigenen Müßiggangs und Befindens musste aufgeschrieben und festgehalten werden. Der Ich-Erzähler bemerkt, dass die Vergangenheit einzig in seiner Erinnerung existiert. Er erkennt am Ende seines Lebens, dass er über seinen Liebesaffären und Kontakten zu belanglosen Menschen nie die Zeit und die Mühe aufbrachte, das Kunstwerk seiner Identität zu schaffen, wie er es sich vorgenommen hatte. Die letzte Möglichkeit war, den Roman seiner Erinnerungen zu schreiben, die mit seinem Tod sonst unwiederbringlich verloren gingen. Und so endet der Roman, indem der Autor beginnt, ihn zu schreiben. War Proust am Beginn des Jahrhunderts noch die literarische Ausnahme, so ist sein Befund heute wohl immer noch angebracht. Individuelle Existenz scheint um ein Vielfaches wirklicher zu sein als alles Gemeinschaftliche. Das Thema der Identität scheint also eher auf eine kollektive Vergangenheit hinzuweisen. Doch der philosophische Diskurs über Identität war und ist bei weitem breiter und umfassender angelegt. Er umfasste die Einheit von Natur und Mensch ebenso wie die Einheit des Inneren und Äußeren. Diese Unterscheidungen sind in der Geschichte höchst politische Angelegenheiten gewesen. Man denke nur an die Zeit der Reformation und die Bedeutung Luthers: Erlösung war für ihn eine Herzenssache und nicht an die Institution der Kirche gebunden. Die wahre Religiosität ist ein Zustand der inneren Identität und nicht abhängig von den äußeren sozialen Verhaltensrichtlinien. Dieser tiefe Gedanke hat in der nachfolgenden Philosophie der Aufklärung seine Fortführung gefunden. Fest geglaubte Schranken und Grenzen wurden seit dem 17. Jahrhundert geistig niedergerissen und immer wieder neu gestaltet. Die gesellschaftliche Stellung, bis dato definiert durch Geburt, Familie und Religion, sollte nicht länger auf dem Altar des Lebens festgeschrieben sein. Anerkennung und Aufstieg wurden menschliche Möglichkeiten, die durch Fleiß und Strebsamkeit real umgesetzt werden konnten. Die gesamte neuzeitliche Moderne wurde durch diese Grundprämissen geprägt. Frei und gleich sollte der Einzelne seine Interessen verfolgen, sozialer Status konnte erlangt und persönliche Ziele verfolgt werden. Der Staat schützte ihn vor äußerer Gewalt, Wegelagerei und legte die rechtlichen Normen des Zusammenlebens fest. Heute ruft der Philosoph Peter Sloterdijk der Öffentlichkeit zu, dass diese Besonderheit einer Gesellschaft, sich in großen Gemeinschaften wie Staaten zu organisieren und dabei mit steigenden individualistischen Tendenzen umgehen

BOLD THE MAGAZINE | 13 Foto: Mika Ceron, Model: Zoe Helali, Styling: H. Saliba, Hair & Make-Up: M. Pieper, Mode: Nanna Kuckuck zu müssen, in den Geisteswissenschaften kein allzu großes Erstaunen erzeugt. Für ihn ist diese Art des zivilisierten Zusammenlebens eher nicht selbstverständlich und daher allemal ein Grund dafür, mit dem philosophischen Staunen wieder neu zu beginnen. „Man verweist die Existenz von Einhörnern in den Bereich der Fabel, doch das real existierende millionenköpfige Fabeltier „Gesellschaft“ nehmen wir wie eine Selbstverständlichkeit hin.“ Dabei haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegende Wandlungen sowohl auf der Seite des Individuums als auch auf der Seite der Gemeinschaft ergeben. PLURALISIERUNG DER ROLLENSPIELE DES EINZELNEN Bei meinen Spaziergängen werde ich häufig angesprochen. Die Fragen kreisen zumeist um die Orte für den Geist, den Körper oder die Seele. Kürzlich wandte sich ein süddeutsches Pärchen an mich. Beide trugen deckungsgleiche Sportanzüge in grellen Farben. Sie fragte nach einem Geschäft in der Nähe, ich gab bereitwillig Auskunft und schaute die beiden, wahrscheinlich etwas zu lang, sehr verwundert an. Sie stürmte schon wieder in die Menschenmenge hinein, da drehte er sich noch einmal freundlich zu mir um und sprach den für mich katastrophal depressiven Satz: „Eigentlich bin ich ganz anders“. Da stand ich nun, allein gelassen mit allen Vermutungen darüber, wer er denn nun wirklich sei. Topmanager einer großen Firma, Angestellter einer Stadtsparkasse oder vielleicht auch ein Kleinunternehmer. Soviel sollte hoffentlich klar sein, die Rolle als Gleichaussehender spielte er nur kurz. Die Straße als Bühne der alltäglichen Schauspielereien? Der Philosoph Dieter Thomä hat diesem Phänomen der Identität breite Aufmerksamkeit geschenkt. Er resümiert, dass die Wandlungsfähigkeiten und -anforderungen, in der heutigen Zeit, um ein Vielfaches gestiegen sind. Doch wieviele Rollen erträgt ein Mensch, in seiner Arbeits- und Privatwelt, in der Welt des Internets oder der Business Community? STANDARDISIERUNG DES EINZELNEN Das Potenzial für philosophische Fragen ist unerschöpflich: Zwei schöne Frauen kamen mir entgegen. Bei näherem Hinsehen entdeckte ich, dass es Mutter und Tochter waren. Fast ebenmäßig in ihren Bewegungen, Gesichtszügen, mit großer Harmonie in ihren Gesten. Die Mutter sah wie die nur leicht ältere Schwester aus und sah an meinem Blick, dass ich ihr Bemühen erkannte. Ein freundliches Lächeln und leichte Röte trat empor. Ihr Schönheitschirurg hatte ganze Arbeit geleistet. Auch Leonardo da Vinci (1452 - 1519) war auf der Suche nach einem Idealbild. Der vitruvianische Mensch gehört zu den am häufigsten reproduzierten Werken in der Kunst und zeigt, wie sehr bereits da Vinci an idealen Proportionen interessiert war. Der Drang zur Idealisierung mit all den Fragen, die sich für die eigene Identität daraus ergeben, ist also nicht ganz neu. Doch sollten die Unterschiede genauestens im Blick bleiben. Ein Bild als Abbild zu malen oder den Körper als ideales chirurgisches Bild zu gestalten, größer kann die Differenz nicht sein. In der Chirurgie verschwimmen Inhalt und Form, der Körper wird zum funktionalen ...

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