Aufrufe
vor 4 Jahren

BOLD THE MAGAZINE 05 2011

  • Text
  • Bold
  • Kunst
  • Krupp
  • Kultur
  • Zeit
  • Geschichte
  • Colani
  • Welt
  • Menschen
  • Familie
IDENTITÄT

36 |

36 | BOLD THE MAGAZINE Schwerpunkt | Identität | Niemandsland getrieben sind und aus denen heraus die Angriffe, wahlweise auch die Verteidigung auf die wechselnden Feinde gesteuert wurden. Heute kann man, nach ein wenig gruseln, auf der Terrasse – Kaffee trinken und den Blick über die Stadt genießen. Das Fazit für das Tribunal zur Aufklärung des Präsidentenattentats ist weniger idyllisch: Durch den Ausstieg der Hisbollah aus der Regierung wird der Anschlag auf den Ministerpräsidenten nie geklärt werden können, und ohne die Hisbollah ist der Libanon nicht zu regieren. Betäubender Hedonismus Nichtsdestotrotz ist der Libanon eine parlamentarische Demokratie. Eine Demokratie, die 17 anerkannte Religionsgemeinschaften unter einen Hut bringen muss. 17 Religionsgemeinschaften bei grade mal vier Millionen Einwohnern. Und mit einem Parlament, das sich stark an den Konfessionen orientiert: Das Staatsoberhaupt muss ein maronitischer Christ sein, der Regierungschef sunnitischer Muslim, der Parlamentspräsident schiitischer Muslim und der Oberbefehlshaber der Armee ein Christ. Dass die Libanesen hier selbst noch durchblicken, grenzt an ein Wunder. Im Zentrum der Stadt wurde vor fünf Jahren mit staatlichen Geldern die al el Amin Moschee errichtet. Direkt daneben ein zerbombtes Kino (siehe Bild Seite 28). Auf der einen Seite also ein palastartiger Bau mit leuchtend blauem Dach und blankgeputzter Sandsteinfassade in lichtem Gelb und nicht einmal hundert Meter davon entfernt ein grauer, zerschossener Betonkubus, ein „hohler Zahn“. Doch aus dem Nebeneinander von Kinoruine und Moschee einen gewonnen Kampf der arabischen gegen die westliche Kultur zu konstatieren, ist in Beirut zu kurz gedacht. Auf der Terrasse des Le Gray Hotels hat die Jeunesse Doree beide Gebäude, respektive was davon übrig blieb, im Blick. Schöne, junge Menschen, top gestylt. Die Louboutin-Dichte schlägt die von New York. Die Absätze der High Heels klackern über den Boden, kleine Seidenfähnchen mit tiefem Dekolleté sind das Standardoutfit, und kein Mensch käme hier auf die Idee, über die 15 Euro für ein Glas Champagner nachzudenken. Dass die Szene sich direkt an der ehemaligen Grünen Grenze, die Beirut über 15 Jahre geteilt hat, amüsiert, auch das ist nur den etwas älteren Gästen bewusst. Doppelmoral und Feindbilder Karim Chaya, Designer und erfolgreicher Unternehmer, erzählt uns in einem Buchladen, der sich so auch in Hamburg befinden könnte, etwas zum Thema Gentrifizierung: „Es gibt mittlerweile Viertel, aus denen die angestammte Bevölkerung verdrängt wird, wo ein hipper Laden nach dem anderen aufmacht.“ Beirut ist die Lifestyle-Hauptstadt des Nahen Ostens. Auch weil es die einzige arabische Großstadt in der Region ist, in Der Luxus des freien Blicks. Vom Phonecia auf den Pool und den Yachthafen.

Schwerpunkt | Identität | Niemandsland BOLD THE MAGAZINE | 37 der Prostitution legal ist. An der Grenze zur Stadt hat sich ein Viertel mit Table-Dance-Bars etabliert, Straßen mit Bordellen, in denen sich Männer vergnügen, die in ihren Heimatländern weder Alkohol trinken noch es eingestehen würden, was sie im Libanon so treiben. Karim Chaya bewertet das nicht: „Es ist eine Doppelmoral, das ist offensichtlich. Mich betrifft das nicht.“ Was ihn betrifft: „Ich würde mir wünschen, dass Israel vom Erdboden verschwindet.“ Er führt die schockierende Aussage aus: „Mir ist Glaube völlig egal, mich interessiert nicht, ob jemand Christ, Jude oder Muslim ist. Israel ist der Krisenherd der Region, ist immer wieder Anlass für Angriffe, Gewalt und Tote. Aus welchen Gründen auch immer – es sind alles Gründe, die niemanden wieder lebendig machen.“ Seit 15 Jahren versucht er seine Frau zu überreden, den Libanon zu verlassen, seit 15 Jahren beharrt sie darauf, in der Nähe ihrer Eltern zu leben. „Aber ich habe den Eindruck, dass sich das Leben wenigstens in Beirut, beziehungsweise im Libanon, normalisiert“, führt er weiter aus. Autopsie einer Stadt Die verfeindeten Religionen leben scheinbar einträchtig miteinander – Kirchen neben Moscheen, Glockengeläut wechselt sich mit Gebeten der Muezzin ab. Nach dem Bürgerkrieg mit 90.000 Toten ist der Anteil der Christen allerdings auf 39% (von ehemals 52%) geschrumpft. „Wie haben alle Verwandte und Freunde verloren“, sagt Sandra Dagher, Direktorin des Beirut Art Centers, des einzigen nicht kommerziellen Raums für zeitgenössische Kunst. Und was wird gezeigt? „The Beirut Experience“, Fotoarbeiten, die sich mit dem Werden und Vergehen – der Kongruenz, Identität – einer Stadt auseinander setzen. „Wir wollen nicht verdrängen und auf happy go lucky machen.“, erläutert die engagierte Kunstfachfrau. Die Geschichte der beiden Direktorinnen (Sandra Dagher, Lamia Joreige) ist symptomatisch für die Stehaufmännchen- Mentalität der Beirutis. „2004 wollten wir das Beirut Art Center initiieren, dann gab es die israelischen Scuds auf die Hisbollah Hauptquartiere. Wir haben das Projekt auf Eis gelegt. 2005 der nächste Versuch. Was passiert: Der Ministerpräsident wird ermordet. 2006, Krieg zwischen Israel und dem Libanon. Wir haben uns auf das Überleben konzentriert. Dann endlich, seit 2007 so etwas wie Frieden. 2009 konnten wir eröffnen.“ Es schwingt ein fatalistischer, fast belustigter Ton mit, als Lamina Joreige die Geschichte erzählt. Ihre letzte Installation hat denn auch bezeichnenderweise den Titel „Beirut, Autopsie einer Stadt“. Politische Katastrophen, die jeden Bereich des Lebens okkupieren. Die Spurensuche nach dem „Paris des Nahen Ostens“ ist also verdammt schwierig. Aber nachts, auf den Terrassen, scheint alles so normal wie in Paris, Wien oder Berlin.

Bold Kunst Krupp Kultur Zeit Geschichte Colani Welt Menschen Familie

BOLD

SPECIALS

BOLD CAR No.07
BOLD TRAVEL No.08
BOLD TRAVEL No.07
BOLD CAR No.06
BOLD CAR No.05
BOLD TRAVEL No.06
BOLD TRAVEL No.05
BOLD CAR No.04
BOLD CAR No.03
BOLD TRAVEL No.04
BOLD CAR No.02
BOLD CAR No.01
BOLD TRAVEL No.03
BOLD TRAVEL No.02
BOLD TRAVEL No.01

BOLD THE MAGAZINE App jetzt laden

AppBOLD_Button Apple BOLD App Android BOLD App

BOLD ONLINE @ NEWS

© BOLD THE MAGAZINE: www.bold-magazine.eu | BOLD THE MAGAZINE ist eine Publikation des Verlages: neutrales GRAU Agentur für Kommunikation & Verlagsgesellschaft UG (haftungsbeschränkt): www.neutralesgrau.de | HR NR: 121 118 B | UMST ID: DE 815 10 18 78 | Am Pankepark 48 | 10115 Berlin | Telefon: 030 40 00 56 68 | Geschäftsführung: Mike Kuhlmey