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BOLD THE MAGAZINE 06 2013

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SEHNSUCHT

18 |

18 | BOLD THE MAGAZINE Schwerpunkt | Sehnsucht | Hoffnung stirbt zuletzt Laufe seiner Odyssee erlernen musste, sind jetzt vielleicht seine Brücke zu einer besseren Zukunft. Ab Januar hat Ibrahim eine halbe Stelle beim Wohnungsamt für Immigration. Europas Umgang mit Flüchtlingen aber hat ihn ernüchtert. „Nach meiner Erfahrung mit Norwegen und Zypern dachte ich nur, die sind alle gleich. Jeder hat mich einfach nur eingesperrt. Niemand wollte sich meine Geschichte anhören.“ Die 2003 in Kraft getretene Dublin II-Verordnung wird vielen Schutzsuchenden zum Verhängnis. Sie regelt, welcher Mitgliedstaat für einen im Geltungsbereich gestellten Asylantrag zuständig ist. Die Folge ist, dass ein Asylsuchender innerhalb der Mitgliedstaaten nur noch ein einziges Asylverfahren betreiben kann, selbst wenn es, wie in Ibrahims Fall, gar kein faires Verfahren gibt. Stellt der Asylsuchende dennoch in einem anderen Mitgliedstaat seinen Antrag, wird er an den zuständigen Staat überstellt. Aufgrund von Dublin II also schickte Norwegen Ibrahim zurück nach Zypern. „Zypern ist Dublin-II-Staat und für die Behandlung der Asylanträge derer, die dort ankommen und registriert werden, im Prinzip zuständig. Reist eine Person dann in einen anderen Mitgliedstaat, wird hier geprüft, ob dieser zuständig ist. Die Frage der Verfolgung und der Fluchtgründe spielt hierbei keine Rolle“, erklärt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer der Organisation Pro Asyl, die für schutzsuchende Menschen eintritt. „Die Idee ist, dass ein Flüchtling eine, aber auch nur eine einzige Chance haben soll, seine Fluchtgründe prüfen zu lassen. Dabei bleibt außer Acht, dass die Anerkennungschancen sowie die Aufnahme- und Lebensbedingungen extrem unterschiedlich sind. Zypern ist wie Griechenland zu einem der Länder geworden, in denen aufgrund der europäischen Zuständigkeitsregelung (Dublin II) Flüchtlinge stranden, die dort überwiegend nicht hinwollten. Die Anerkennungsquoten lagen lange Zeit bei null Prozent, Haft für Asylsuchende ist in Zypern verbreitet.“ Asylsuche als lebensgefährlicher Hürdenlauf Nach Schätzung der UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, sind weltweit mehr als 43 Millionen Menschen auf der Flucht. 2011 wurden in der gesamten EU rund 301.000 Asylanträge gestellt. Staaten wie Pakistan, Iran und Syrien beherbergen viel mehr Flüchtlinge als die reichen Staaten des Westens. „Europa muss seine Verantwortung für den internationalen Flüchtlingsschutz wahrnehmen. Es ist eine Minderheit der Flüchtlinge, die in Richtung der Industriestaaten flieht. 85 Prozent der Flüchtlingsbewegungen spielen sich in der Herkunftsregion ab“, sagt Mesovic. Für viele endet der Fluchtversuch tödlich: Jährlich sterben vor den Toren Europas hunderte Männer, Frauen und Kinder. Sie erfrieren beim Versuch, Grenzflüsse zu durchschwimmen, kentern in überfüllten Booten oder ersticken in Containern. Die EU hat in den letzten Jahren fast alle Zugangsmöglichkeiten zu ihrem Territorium abgeriegelt. In der Regel braucht man für die Einreise ein Visum, die gibt es aber nicht für Flüchtlinge. Sie müssen mit falschen Papieren fliehen oder sich zwielichtigen Schleppern anvertrauen. „Ein Visum ist für die große Mehrheit der Flüchtlinge nicht erhältlich. Das soll möglichst viele Flüchtlinge daran zu hindern, das Territorium der EU zu erreichen“, sagt Mesovic. „Das verbriefte Menschenrecht, Asyl zu bekommen, ist ein lebensgefährlicher Hürdenlauf. Auf eigene Faust ein Zufluchtsland zu erreichen, schaffen nur wenige.“

Schwerpunkt | Sehnsucht | Hoffnung stirbt zuletzt BOLD THE MAGAZINE | 19 Farhad Ibrahim (Name geändert) in Abschiebehaft Studium unter Lebensgefahr Nicht nur für Flüchtlinge ist Europa oft alles andere als ein sicherer Hafen. „Viele Afrikaner denken, Europa sei das Paradies“, sagt der 21-Jährige Malik aus Angola. Der Student übersprang aufgrund sehr guter Noten die letzte Klasse und wollte nach dem Abitur in den Westen, um Maschinenbau zu studieren. Eine private Hochschule in der Ukraine nahm ihn an – aber statt eines lässigen Studentenlebens begann ein Horrortrip. „Drei meiner Freunde wurden umgebracht“, sagt er, die Angst noch im Blick. „Wenn du schwarz bist, musst du in der Ukraine ständig um dein Leben fürchten. Einen Freund von mir haben sie in der Metro auf die Schienen geschubst, er konnte gerade noch hochklettern, bevor die Bahn kam.“ Auch Malik selbst wurde mehrfach Opfer von rassistischen Attacken. „Sie kommen zu dritt, viert, fünft, um auf dich einzuprügeln. Und wenn du Hilfe bei der Polizei suchst, leeren sie dir nur die Taschen, nehmen dein Geld und schicken dich weg.“ Er blickt unruhig um sich, als fürchte er einen weiteren Zuhörer. „In der Uni hat mir der Dozent ins Gesicht gesagt, meine Leistungen seien unwichtig, gute Noten gebe es nur gegen Bezahlung.“ Als ein afrikanischer Freund im siebten Semester, kurz vor dem Abschluss, das Schulgeld nicht mehr bezahlen kann, will Malik mit anderen zusammenlegen. „Wir sind zum Direktor gegangen und haben ihm gesagt, wir würden das Geld für ihn bezahlen, aber es ginge nur in monatlichen Raten. Der Direktor hat abgelehnt und unser Kommilitone wurde ohne Abschluss umgehend nach Hause geschickt, obwohl seine Familie jahrelang für die Uni gespart hatte“, erzählt er „Wenn es ein Land auf der Welt gibt, das ich nie wieder betreten will, dann ist es die Ukraine. Maliks Asylantrag in Deutschland wurde abgelehnt. Nun soll er zurück in die Heimat – ohne Geld und ohne Zeugnis.

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