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BOLD THE MAGAZINE No.42

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INSPIRATION SPECIAL TOPIC: CAR | IM INTERVIEW: ANTONIO BANDERAS | DER NEUE OPEL CORSA-E | FOTOGRAF RÉHAHN | VIETNAM | BARBADOS | PHILIPPINEN | SWATCH BIG BOLD COLLECTION | AUTORIN TESS SHARPE

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44 // BOLD THE MAGAZINE LESENSWERT / RIVER OF VIOLENCE sich regelrecht in meine Ohren, und dann ist da ein irgendwie matschiges Geräusch, bei dem es mir den Magen umdreht. Ich will mir den Mund zuhalten, aber dafür ist es zu spät. Ich übergebe mich, Kotze läuft über mein Shirt, spritzt auf meine Haut. Der Gallegeruch lässt mich noch mehr würgen, und als ich versuche aufzustehen, versagen mir die Beine. Ich muss ins Haus, bevor er mitkriegt, was ich gesehen habe. Aber meine Beine sind wie aus Gummi, und als ich mir die verklebten Haare aus dem Gesicht schiebe, spüre ich getrocknetes Salz auf meinen Wangen. Ich will meine Momma so sehr hier haben, dass es wehtut und immer weiter wehtun wird, und allein schon der Gedanke an sie macht mich tapsig und dumm. Als ich mich aufrichte, trete ich gegen einen Stein, der mit einem lauten Knall gegen die Scheunenwand prallt. Ich erstarre. »Wer ist da?« Daddys Stimme dröhnt durch die Holzbretter. Seine Schritte bewegen sich rasch über den Boden, dann höre ich das Quietschen des Tors, als er es öffnet und nach draußen schaut. Oh nein. Mein Magen verkrampft sich wieder. Am liebsten würde ich gleich weiterkotzen. »Harley, wenn du das bist, hast du genau drei Sekunden, um Bescheid zu sagen. Sonst schieße ich. Eins …«, sagt Daddy. Meine Gedanken rasen, fieberhaft versuche ich, alles zu begreifen. Daddy hat ihn umgebracht. Und zwar so, als wäre das ganz leicht und hätte nichts weiter zu bedeuten. Als täte er das nicht zum ersten Mal. »Zwei.« Was macht er mit der Leiche? Vergräbt er sie? Wo? Im Wald? »Dr…« »Ich bin’s!«, schreie ich. Mein Jeans sind verdreckt, mein Shirt ist feucht und voll Kotze. Meine Beine zittern, aber ich stürme trotzdem los, renne bis vor die Scheune. Er steht am Eingang, Licht strömt heraus, mit einem Arm hält er das Tor immer noch offen. Hinter ihm in der Scheune ist eine dunkle Blutlache, die schnell größer wird, und daneben das, was übrig ist von Bens Kopf. Sein Gesicht ist zur Seite gedreht, die Augen stehen weit offen, schauen mich an. Er wirkt durcheinander. Als hätte er gedacht, Daddy lässt ihn laufen. Ich schlucke schwer. Von Nahem ist es noch viel schlimmer. Daddy betrachtet mich, die Neunmillimeter immer noch gezückt. Dann schaut er über seine Schulter auf Ben und die wachsende Blutlache. Er macht einen Schritt zur Seite, damit ich Bens Gesicht nicht mehr sehen kann. »Schätzchen«, setzt er an. »Wie lange …« Er bricht ab. »Liebling«, versucht er noch mal. »Ich …« Ich starre weiter auf das Blut. Auch wenn ich Daddy schon beim Ausweiden von Jagdwild geholfen habe, so viel Blut habe ich noch nie gesehen. Es ist dunkel und dickflüssig wie Farbe. Aber es riecht ganz anders, scharf wie Kupfer, wie Leben, das im Boden versickert. »Harley-Girl«, sagt Daddy mit der gleichen sanften Stimme, mit der er mir vor dem Einschlafen Geschichten vorliest. Gleich muss ich wieder brechen. Doch ich beiße die Zähne zusammen und schaffe es diesmal, die aufsteigende Gallensäure runterzuschlucken. Ein wilder Kampf in meiner Kehle, der mir den Schweiß ins Gesicht treibt. Ich schwanke, und dann sind da auf einmal Daddys Hände, sie packen mich um die Taille. Mein Körper wird schlaff, ich wehre mich nicht. Ich habe zu viel Angst vor dem, was dieser neue – nein, dieser alte, aber bisher verborgene Daddy tun würde, wenn ich es versuche. Er trägt mich zum Haus und die Treppe hoch, ohne ein Wort zu sagen. Er setzt mich auf mein Bett und zieht mir die Stiefel aus; ich zittere vor mich hin und lasse ihn machen. Er tauscht mein vollgekotztes Shirt gegen eins von den Schlafhemden, dann drückt er vorsichtig meine Schulter und ich sinke auf das Bett. Ich sehe Bens leere Augen vor mir und schrecke vor Daddys Berührung zurück, zum ersten Mal in meinem Leben, aber er merkt es nicht. Ich erwarte eigentlich, dass er gleich geht, nachdem er mich zugedeckt hat, aber stattdessen bleibt er lange neben meinem Bett sitzen. Erst als er aufsteht – Stunden

LESENSWERT / RIVER OF VIOLENCE BOLD THE MAGAZINE // 45 später, kommt mir vor –, habe ich den Mut, es auszusprechen. Daddys Umriss zeichnet sich gegen das Licht im Flur ab, er will die Tür gerade zumachen, da platzt es aus mir heraus: »Er hat dir doch gesagt, was du wissen wolltest. Du musstest das nicht tun.« Ich höre ihn seufzen, kann aber sein Gesicht nicht sehen, weil es im Schatten liegt. Er lehnt sich an den Türrahmen, drückt die Schulter dagegen. »Leben gegen Leben«, sagt er. »Anders geht’s nicht, Harley-Girl.« Leben gegen Leben. Bens Leben gegen das von Momma. »Du lässt Springfield also laufen?«, frage ich. Daddy streicht sich durchs Haar. »Das kann ich nicht machen«, sagt er. »Aber …« »Er hat uns deine Momma genommen«, erinnert mich Daddy sanft. Als ob ich das vergessen könnte. »Aber du hast gesagt, du lässt seine Familie in Ruhe.« Daddy richtet sich auf. Er wirkt riesig, wie ein Schatten. Sein Gesicht kann ich immer noch nicht sehen, aber was er sagt, höre ich nur zu gut. Drei Wörter, hart wie Schotter: »Das war gelogen.« Jeden Morgen mache ich meine Runde. Ich nehme ein Gewehr mit, schließlich kann es jederzeit Probleme geben, mit Tieren oder mit Menschen. Alle paar Tage ändere ich die Route. Die kompletten zweihundertfünfzig Hektar kann ich sowieso nicht abdecken. Manchmal tue ich nichts weiter, als am nördlichen Zaun entlang zu patrouillieren, das Segeltuch klatscht mir dabei wie ein unablässiger Herzschlag gegen die Beine. Dukes Jacke ist viel zu groß für mich, aber ich trage sie trotzdem, die Ärmel dreimal umgeschlagen, um die Hände frei zu haben. An diesem Morgen wandere ich tief in den Wald hinein, mit Busy an meiner Seite. Sie springt schwanzwedelnd vor mir her, ihre gedrungene Nase dicht am Waldboden, wo sie nach Spuren von Rotwild und Pumas sucht. Ich gehe hinter ihr her, das Knacken von Zweigen und das Knistern der Kiefernnadeln unter meinen Stiefeln mischt sich mit dem heiseren Krächzen erwachender Elstern. Die Luft ist klar und frisch, das Gelände steigt steil an, mein Tritt ist fest und sicher. Jeder einzelne Schritt bringt mich näher, immer bergauf, und meine Sohlen graben sich in die rote Erde. Was das Land angeht, die dichten Wälder und die Berge aus Vulkangestein, bin ich durch und durch Dukes Tochter. Ich kenne die Gegend so gut wie kein anderer außer Duke, weiß um ihre Gefahren und Geheimnisse. Manches von diesem Wissen werde ich mit ins Grab nehmen – und es spielt keine Rolle, ob bis dahin noch vierzig Jahre vergehen oder vierzig Minuten. »He!«, rufe ich und schnippe mit den Fingern, wenn Busy zu weit wegläuft, woraufhin sie jedes Mal so abrupt haltmacht, dass sie kurz ins Rutschen gerät. Dann läuft sie den Abhang runter und kommt zurück zu mir. Ihre Augen leuchten im Licht des frühen Morgens, und wenn ich sie hinter den Ohren kraule, legt sie ihren kantigen Kopf genüsslich in den Nacken. »Braves Mädchen«, sage ich. »Weiter.« Oben angekommen sind meine Stiefel voller Staub und Busy hängt die Zunge aus dem Maul. Als die Steigung abflacht, rast sie begeistert einem Eichhörnchen hinterher und ich lasse ihr den Spaß. Der Stamm der alten Eiche ist mächtig und hat starke Äste auf den unterschiedlichsten Höhen, was sie zu einem perfekten Kletterbaum macht. Aber ich bin nicht zum Klettern hier. Ich nähere mich ihr langsam und bedächtig, so wie ich mich an einen Bock anpirschen würde, den ich erlegen will. Das mag albern sein, aber ich kann nicht anders. Manche Dinge sind heilig. Weit oben auf dem Stamm, schon vor über hundert Jahren eingeritzt, stehen Namen – verwachsen zwar, aber noch lesbar: Franklin + Mary Ellen. Joshua + Abigail. David + Sarah. Ich fahre mit dem Finger an den Namen entlang nach unten. Es sind über dreißig: die großen Liebespaare des McKenna-Clans, von der Goldrausch-Ära bis heute. Es gab eine Zeit, da habe auch ich davon geträumt, meinen Namen hier einzuritzen. Aber inzwischen bemühe ich mich, nicht mehr an Will zu denken ... River of Violence Autorin: Tess Sharpe ISBN: 978 3 423 79045 1 Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv) www.read-bold.de

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