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BOLD THE MAGAZINE No.47

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GENIALITÄT EXKLUSIV IM INTERVIEW: WILLEM DAFOE | CORONA – BILDER EINES WELTWEITEN AUSNAHMEZUSTANDES | PORSCHE HERITAGE DESIGN EDITION | DESIGNER IVO VAN HULTEN IM GESPRÄCH | MIT DEM NEUEN FIAT 500 UNTERWEGS | PETER LINDBERGH: UNTOLD STORIES

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52 // BOLD THE MAGAZINE ART / LESENSWERT ADELINE DIEUDONNÉ DAS WIRKLICHE LEBEN LESENSWERT AUTORIN: M. MAI

ART / LESENSWERT BOLD THE MAGAZINE // 53 Adeline Dieudonné, 1982 in Brüssel geboren, wo sie mit ihren beiden Töchtern auch heute wieder lebt, ist von Beruf Schauspielerin. Nach mehreren preisgekrönten Erzählungen und einem erfolgreichen One-Woman-Theaterstück hat ›Das wirkliche Leben‹ die Herzen der französischsprachigen Leser im Sturm erobert: Das grandiose Romandebüt stand monatelang auf der französischen Bestsellerliste, wurde mit 14 (!) Literaturpreisen ausgezeichnet und wird in 20 Sprachen übersetzt. Synopsis: Eine Reihenhaussiedlung am Waldrand, wie es viele gibt. Im hellsten der Häuser er mit der anderen stolz und zum Zeichen des Tier, eine Hand in die Hüfte gestemmt, reckte wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Triumphs sein Gewehr in die Luft, was ihn weit Familie. Alles normal. Bis eines Abends vor mehr wie ein Rebell im Adrenalinrausch eines ihren Augen eine Tragödie passiert. Nichts Genozids wirken ließ als wie ein Familienvater. ist mehr wie zuvor. Mit der Energie und der Das Prunkstück seiner Sammlung, sein ganzer Intelligenz einer mutigen Kämpferin setzt das Stolz, war ein Elefantenstoßzahn. Eines Abends Mädchen alles daran, sich und ihren Bruder hatte er meiner Mutter erzählt, dass die größte vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Von Schwierigkeit nicht darin bestanden habe, Sommer zu Sommer spürt sie immer deutlicher, dass sie selbst die Zukunft in sich trägt, gewesen wie eine Kuh in einem U-Bahn- den Elefanten zu erlegen. Das sei so einfach wird immer selbstbewusster – ihr Körper aber Tunnel zu erschießen. Nein, am schwierigsten auch immer weiblicher, sodass sie zusehends sei es gewesen, Kontakt mit den Wilderern ins Visier ihres Vaters gerät. aufzunehmen und der Überwachung durch die Ranger zu entgehen. Und dann dem noch Leseprobe: Bei uns zu Hause gab es vier warmen Kadaver die Stoßzähne herauszubrechen. Ein richtiges Gemetzel sei das gewesen. Schlafzimmer. Meines. Das meines Bruders Gilles. Das meiner Eltern. Und das der Das alles hatte ihn ein kleines Vermögen Kadaver. Mazamas, Wildschweine, Hirsche. gekostet. Ich denke, deshalb war er auch so stolz Antilopenschädel in verschiedenen Größen auf seine Trophäe. Einen Elefanten zu töten, und von allen möglichen Arten: Springböcke, ist derart teuer, dass er die Kosten mit einem Wasserböcke, Impalas, Gnus, Oryxantilopen. anderen Kerl hatte teilen müssen. Und dann Dann noch ein paar Zebraköpfe. Und auf hatte jeder einen Stoßzahn mit nach Hause einem Podest ein ganzer Löwe, die Zähne in genommen. Ich strich gern über den Elfenbeinzahn. Er war so weich und groß. Aber den Hals einer kleinen Gazelle geschlagen. In einer Ecke schließlich – die Hyäne. Zwar war ich musste es heimlich tun. Denn mein Vater sie ausgestopft, doch sie lebte, da war ich mir hatte uns verboten, das Zimmer der Kadaver sicher, und genoss den Schrecken in den Augen zu betreten. Mein Vater war ein Koloss. Er aller, die sie anzuschauen wagten. An den hatte breite Schultern wie ein Abdecker. Und Wänden hingen gerahmte Bilder. Darauf war Hände wie ein Riese. Hände, die den Kopf eines mein Vater mit den toten Tieren zu sehen. Es Kükens ebenso leicht abschlagen konnten wie war immer die gleiche Pose: Ein Fuß auf dem den Kronkorken einer Flasche Cola. Neben der Trophäenjagd hatte mein Vater noch zwei weitere Leidenschaften im Leben: fernsehen und Whisky trinken. Wenn er nicht gerade in den entlegensten Ecken der Welt nach Tieren zum Töten suchte, schloss er, eine Flasche Glenfiddich in der Hand, den Fernseher an die Lautsprecherboxen an, die so viel gekostet hatten wie ein Kleinwagen. Und hin und wieder richtete er sogar das Wort an meine Mutter. Aber eigentlich hätte man sie auch durch einen Ficus ersetzen können, er hätte den Unterschied gar nicht bemerkt. Denn meine Mutter hatte Angst. Angst vor meinem Vater. Wenn man von ihrem Faible fürs Gärtnern und für Zwergziegen einmal absieht, lässt sich über meine Mutter sonst nicht viel sagen. Sie war eine hagere Frau mit langen, dünnen Haaren. Keine Ahnung, ob sie schon existiert hatte, bevor sie ihn traf. Ich nehme mal an ja. Sie muss allerdings damals schon einer primitiven, einzelligen, fast durchsichtigen Lebensform geglichen haben. Einer Amöbe: Ektoplasma, Endoplasma, Zellkern, Nahrungsvakuole. Durch das Zusammenleben mit meinem Vater hatte sich das bisschen Dasein dann nach und nach mit Furcht gefüllt. Ihre Hochzeitsfotos haben mich schon immer neugierig gemacht. Soweit ich in meiner Erinnerung auch zurückgehe, sehe ich mich im Fotoalbum nach etwas suchen, das ihre bizarre Verbindung erklären könnte. Liebe, Bewunderung, Achtung, Freude, ein Lächeln … irgendwas … Das wirkliche Leben Autorin: Adeline Dieudonné ISBN: 978-3-423-28213-0 www.dtv.de

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